Wie alles anfing
Ich war wieder einmal auf der Frankfurter Buchmesse. Genau dort fielen mir die „Stolpersteine” auf. Wir wohnten in einem Hotel in einem nicht besonders interessanten Viertel in der Nähe des Frankfurter Bahnhofs. In diesem Viertel war nach dem Krieg eigentlich nichts übriggeblieben: Alles war zerbombt und wurde neu gebaut. Mich beeindruckte, dass von früher nur diese „Steine” übriggeblieben waren. Inzwischen sind alle Häuser neu, und die Bäume, die während des Krieges zerstört wurden, sind wieder gewachsen. Der Asphalt wurde dutzende Male ausgetauscht, die Straßen wurden neu geplant … Aber diese Zeichen markieren die Orte, an denen Menschen gelebt haben. Sie sind wie eine Brücke in die Vergangenheit. Und in diesem Moment – ich erinnere mich sehr gut daran – habe ich das gesamte Projekt innerhalb weniger Minuten erdacht. Zurück in Moskau rannte ich am nächsten Tag zu „Memorial“. Ich kannte die Menschen, die dort arbeiteten, und schlug ihnen diese Idee vor. „Ja, natürlich! Wir warten schon lange auf Sie“, sagten sie. Es waren Arseni Roginski1, die Geschäftsführerin von Memorial Elena Schemkowa und Irina Schtscherbakowa2, die oft in Deutschland ist und mit deutschen Partnern arbeitet. Mit ihrer Unterstützung begann ich, mich mit dem Projekt »Letzte Adresse« zu beschäftigen.
Als wir die Stiftung »Letzte Adresse« formell gründeten, die beim russischen Justizministerium registriert ist, waren die Gründer mehrere Personen, einige meiner Freunde, ich und „Memorial“ als Organisation, also als kollektiver Gründer.
Finanzierung des Projekts
Die Stiftung wird durch Spenden finanziert. Grundsätzlich wenden wir uns nicht an den Staat – weder um staatliche Zuschüsse noch um staatliche Unterstützung –, sondern nur an einige wenige gemeinnützige Stiftungen: an die Stiftung des ersten Präsidenten Russlands Boris Jelzin, an die Prochorow-Stiftung, die von dem bekannten Unternehmer Michail Prochorow gegründet wurde und von seiner Schwester geleitet wird. Darüber hinaus gibt es einige weitere Stiftungen, bei denen wir Unterlagen einreichen und zweckgebundene Spenden erhalten. Natürlich erhalten wir auch private Spenden. Auf unserer Website3 gibt es die Möglichkeit, uns einen kleinen Betrag zu spenden. So haben wir einen stetigen, wenn auch keinen großen Zufluss an Mitteln. Im Allgemeinen ist „Letzte Adresse” keine besonders teure Sache.
Bedingungen für die Anbringung einer »Letzte-Adresse«-Tafel
Im Winter 2013 fand in Moskau die Gründungskonferenz von »Letzte Adresse« statt. Sie dauerte zwei Sonntage hintereinander, etwa 100 Menschen verschiedener Fachrichtungen nahmen teil: Historiker, Journalisten, Literaten, Archivare, Menschenrechtler, Designer4, Vertreter von Memorial. In der Diskussion, die sich dort entspann, war eine der ersten Fragen natürlich die, was geschehen solle, wenn viele Menschen Anträge auf Gedenktafeln für diejenigen stellen, die selbst Organisatoren politischer Repressionen waren und später deren Opfer wurden. Wir haben sehr strenge Kriterien entwickelt, an die wir uns strikt halten. So gelingt es uns, Konflikte zu vermeiden.
Es gibt nur zwei Kriterien: Erstens muss die Person rehabilitiert sein. Ein Beispiel ist L. Berija, der nicht rehabilitiert wurde. Auch G. Jagoda wurde ebenfalls nicht rehabilitiert. Anträge mit diesen Namen werden wir deshalb nicht bekommen.
Das zweite Kriterium ist, dass die Person nicht an Sitzungen sowjetischer Gerichtsorgane teilgenommen haben darf, wie den Sonderkommissionen, die als „Dwojka“ oder »Trojka«, bezeichnet wurden. Diese Sondertribunale haben Tausende Todesurteile und sehr harte Urteile zu langen Haftstrafen gefällt. Wenn jemand vor seiner Verhaftung und Verurteilung als „Volksfeind” in einem solchen Gericht gesessen hat, betrachten wir ihn – selbst, wenn er später rehabilitiert wurde – als unmittelbaren Organisator der Massenrepressionen. Dann haben wir eine formale, durch Archivdokumente belegte Grundlage, um einen Antrag abzulehnen. Wir hatten zwei oder drei solcher Fälle. Meistens kommen die Menschen, die so etwas beantragen könnten, aber gar nicht. Sie verstehen, dass es eine Grenze gibt, die man nicht überschreiten darf.
Die »Letzte-Adresse«-Tafeln als Denkmal
Unser Denkmal hat ein besonderes Merkmal – eine Art geografische Ausdehnung. Es ist ein Denkmal, das im Idealfall das ganze Land einnehmen soll. Es soll sich von Kaliningrad bis Wladiwostok und von Archangelsk bis in den tiefen Süden des Landes erstrecken. Und eines Tages wird es so weit sein. Ich denke, wir werden es eines Tages schaffen, dass es das ganze Land durchzieht, und dass es darüber hinaus auch außerhalb Russlands in den ehemaligen Sowjetrepubliken existiert. Schon heute gibt es diese Zeichen außerhalb des postsowjetischen Raums: sie existieren bereits in Tschechien. Ich bin sicher, dass es sie auch in Rumänien geben wird, wahrscheinlich auch in Polen und vielleicht sogar in Deutschland5.
Und selbstverständlich werden wir das weiterentwickeln. Hier ist die Idee der geografischen Abdeckung wichtig, die kein anderes Denkmal hat. Es ist unmöglich, in Moskau ein so großes Denkmal zu errichten, dass man von seiner Spitze bis nach Magadan sehen könnte. Aber unser Denkmal kann man sowohl in Moskau als auch in Magadan anbringen.
Stalinismus, die Verwandlung Russlands in einen totalitären Staat
Ich bin absolut überzeugt, dass Stalin und der Stalinismus ein totalitäres Phänomen sind. In einem totalitären Land ist keine Entstalinisierung möglich. Noch weniger in einem Land, das sich nicht vom Totalitarismus weg-, sondern auf ihn zubewegt. Welche Entstalinisierung soll es da geben?
Ja, von Zeit zu Zeit hören wir, dass irgendwo ein Stalin-Porträt aufgehängt, eine Gedenktafel angebracht oder eine Büste aufgestellt wird. Oder dass jemand Blumen an seinem Grab an der Kreml-Mauer niederlegt – und das nennt man Stalinismus! Ich bin völlig überzeugt, dass das nicht der eigentliche Stalinismus ist. Stalinismus – das sind autoritäre Ideen. Das ist ein totalitärer Staat. Natürlich kann man nicht erwarten, dass jemand gegen den Stalinismus kämpft, während gleichzeitig die demokratischen Institutionen zerstört werden, wie es jetzt bei uns der Fall ist.
Viel wichtiger für die Wiedergeburt des Stalinismus ist, dass es in Russland keine Wahlen gibt, und nicht, dass irgendwo eine Büste aufgestellt wird. Sollen sie noch zehn Büsten aufstellen – das ist nicht das Schlimme. Schlimm ist etwas anderes – dass es keine politische Alternative gibt, keinen echten politischen Wettbewerb. Schlimm ist, dass die demokratischen Institutionen, die Instrumente der Volksherrschaft abgebaut werden, dass es in Russland kein unabhängiges Gericht gibt.
Oft sagt man zu uns: „Ihr hängt solche Tafeln zum Gedenken an die Opfer der Repressionen auf und irgendjemand könnte genauso gut eine Tafel zu Ehren eines stalinistischen Henkers aufhängen: ‚Hier lebte ein NKWD-General, der persönlich tausend Menschen erschossen hat.“ 6 Die Frage ist nicht, ob er sie aufhängt, sondern dass es kein Gericht gibt, das ich einschalten kann, um zu verlangen, dass sie abgehängt wird. Genauso gibt es kein Gericht, zu dem derjenige gehen kann, dem nicht gefällt, was ich tue. Ich würde das gern mit ihm vor Gericht diskutieren. Ich hätte gern einen unabhängigen Richter, einen Anwalt und einen Staatsanwalt, die in einem fairen Verfahren klären, wessen Tafel an der Wand hängen darf und wessen nicht. Was mich am meisten beunruhigt, ist, dass es keinen Schiedsrichter gibt, der entscheiden könnte. Das ist sehr gefährlich, denn sonst könnten wir anfangen, unsere politischen Meinungsverschiedenheiten mit den Fäusten auszutragen.
Wir versuchen, ohne den Staat auszukommen.7 Wir wenden uns direkt an die Menschen, die in einem Haus leben, und fragen sie: „Sind Sie einverstanden, dass wir diese Tafel anbringen?” Wir wenden uns auch an Menschen, die einfach über den Gehweg gehen. Manche bleiben stehen, lesen die Inschrift und beginnen zu verstehen.
Wir haben damals beschlossen, dass es neben dem Namen, dem Beruf, dem Geburtsdatum, dem Datum der Verhaftung und dem Datum der Erschießung noch eine Zeile geben soll – das Datum der Rehabilitierung. Für uns ist sie ein Symbol, ein Zeichen. Denn wenn die Menschen das Wort „rehabilitiert” lesen, haben sie sofort eine vage Erinnerung und beginnen zu verstehen, worum es geht. Diese Geschichte – erschossen, später rehabilitiert – bringt sie zum Nachdenken. Sie begreifen, dass es etwas ganz Konkretes ist. Deshalb ist es uns wichtig. Auf diese Weise sprechen wir mit den Menschen. Wir bringen die Menschen dazu, diese Tafeln wiederzuerkennen. Sie sind sehr auffällig und unterscheiden sich stark von allen anderen.
Oft werden wir gefragt: „Warum dieses quadratische Fenster?” Es ist ein Symbol für den Verlust, für die Abwesenheit des Menschen und für die unwiederbringliche Leere, die von ihm zurückgeblieben ist. Außerdem hat es einen ganz praktischen Zweck: Es macht die Tafeln sofort erkennbar. Es gibt so viele Metallschilder an unseren Wänden. Viele verschiedene Tafeln, aber diese sind einzigartig, denn sie alle haben dieses quadratische Fenster. Hat man sie einmal gesehen und erkannt, beginnt man, sie überall zu sehen: an den Ecken verschiedener Häuser in verschiedenen Städten. Man fährt in eine andere Stadt und denkt: „Oh, hier hängt auch eine.” Und man beginnt zu verstehen, dass es ein gemeinsamer Raum ist, eine gemeinsame Geschichte. All diese Städte, all diese Häuser, all diese Menschen sind durch einen historischen Prozess miteinander verbunden. Das ist das Gespräch, das wir führen. Und das ist alles, was wir in dieser Situation tun können. Wir können nicht mit dem russischen Staat streiten, wir können ihn nicht zwingen, uns zu helfen. Wir können ihn nicht einmal dazu bringen, uns zuzuhören – aber wir können ihn ignorieren. Dieses Recht haben wir, und wir versuchen, davon Gebrauch zu machen8.
Mario Bandi
September 2017, Moskau
(Redaktion K.Akopyan, K.Wegener)
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Fußnoten:
1) Arseni Borissowitsch Roginski (1946–2017) war ein russischer Menschenrechtler, Forscher der stalinistischen Repressionen und Vorsitzender des Vorstands von »Memorial«.
2) Irina Lasarewna Schtscherbakowa (1949) – Germanistin und Historikerin, Forscherin der stalinistischen Repressionen, Mitbegründerin von »Memorial«. Seit 2022, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, lebt und arbeitet sie in Deutschland.
3) Gemeint ist die Website der Stiftung »Letzte Adresse«: https://www.poslednyadres.ru/
4)Das Design der »Letzte-Adresse«-Tafel stammt vom russischen Architekten und Künstler Alexander Brodski.
5) Zum jetzigen Zeitpunkt existiert »Letzte Adresse« neben Russland in drei postsowjetischen Ländern: Ukraine, Georgien und Moldawien sowie in Tschechien, Deutschland und Frankreich.
6) Nach Angaben von Dezember 2023 gibt es in Russland 110 Stalin-Denkmäler, 95 davon wurden unter Präsident Wladimir Putin errichtet, 5 in den 1990er Jahren.
7) Im Demokratieindex des Magazins The Economist belegte Russland 2022 den Platz 146 von 167. Ein Jahr zuvor lag es auf Platz 124.
8) Seit Beginn des großflächigen Krieges Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 werden in Russland systematisch Denkmäler und Gedenkstätten für Opfer politischer Repressionen zerstört oder beschädigt, darunter auch Tafeln der Initiative „Letzte Adresse”. Die Polizei sucht jedoch nicht nach den Tätern – bisher wurde kein einziger gefunden. Bei großen steinernen Monumenten wie dem neun Meter hohen Betonkreuz in Workuta, das zur Erinnerung an die repressierten Polen errichtet wurde und im Sommer 2023 vermutlich umgestürzt ist, kann man davon ausgehen, dass dies mit Billigung oder Duldung der örtlichen Behörden geschieht. In St. Petersburg wurden Ende August 2023 auf Anweisung der Bezirksverwaltung 34 „Letzte-Adresse“-Tafeln vom sogenannten „Haus der Spezialisten“ entfernt – nach einer anonymen Denunziation. Das ist kein Einzelfall. In der nördlichen Hauptstadt werden Tafeln weiterhin auf anonyme Anfragen hin abgehängt. Erstaunlich ist, dass es Menschen gibt, die sie erneut anbringen – selbst gemachte Tafeln aus Pappe oder mit Filzstift an die Wand gemalte –, und zwar genau an derselben Stelle.