Horst Kampioni

Am 20. März 2026 wurde die Tafel der letzten Adresse an der Fassade des Frankfurter Medienhauses der Märkischen Oderzeitung feierlich angebracht.

Unter den Gästen bei der Zeremonie waren

Dr. Axel Strasser, Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder)

Dr. Maria Nooke, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Brandenburg,

Claus Liesegang, Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung und Lausitzer Rundschau,

Dr. Karl-Konrad Tschäpe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“ in Frankfurt (Oder),

Mitglieder der Familie von Horst Kampioni – seine Schwester Gisela Eggert (geb. Kampioni) sowie Tochter und Sohn.

Horst Kampioni war ein Mitarbeiter der Zeitung „Neuer Tag“ mit Wohnsitz in Frankfurt (Oder), Fotoreporter und Mitglied der SED seit 1946.

Über den Grund seiner Verhaftung kann nur gemutmaßt werden. Er war Fotoreporter und es ist möglich, dass den sowjetischen Besatzern das Fotografieren bestimmter Objekte missfiel. In der Familie vermutet man, dass die Verhaftung mit seiner Pressearbeit und seinen Reisen zum Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) zusammenhing.

Er wurde am 26.12.1952 vom sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Spionage und konterrevolutionärer Tätigkeit zum Tode durch Erschießen verurteilt. Das Urteil wurde am 31.03.1953 in Moskau vollstreckt.

Im Fall des Hauses, in dem Horst Kampioni lebte, handelt es sich um eine Ruine, die nun vermutlich abgerissen oder umgestaltet wird.

Die Journalisten und die Geschäftsleitung der Märkischen Oderzeitung haben beschlossen, eine Erinnerungstafel für ihn an dem Gebäude anzubringen, in dem er zuletzt gearbeitet hat.

Während der einstündigen Zeremonie äußerten sich verschiedene Teilnehmer.

Dr. Anke Giesen, Vorstandsmitglied des Memorial Deutschland e.V.:

„Wie im Talmud geschrieben steht, ist ein Mensch erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Die Menschen, die vom sowjetischen Geheimdienst aus nichtigen Anlässen oder aufgrund von Denunziationen verhaftet, häufig gefoltert, erschossen wurden, im Gulag verhungerten oder an mangelnder Versorgung starben, sollen nicht vergessen werden. Leider können sich unsere Kollegen in Russland, der Ukraine, ja auch in Georgien und Moldau infolge der vollumfänglichen Invasion Russlands in die Ukraine nicht mehr in dem Maße im Projekt betätigen wie noch vor dem Krieg. In Russland werden die Tafeln sogar immer häufiger von regimetreuen Bürgern abgerissen. Wenn wir uns also heute hier versammeln, dann tun wir das nicht nur, um das Schicksal von Horst Kampioni zu erinnern, sondern auch, um unseren Kollegen Mut zuzusprechen, weil sie dadurch zu verstehen bekommen, dass die von ihnen in Russland angefangene Arbeit weitergeht.“

Dr. Axel Strasser, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder):

„Wer heute in Frankfurt (Oder), Berlin oder München zu einer Demonstration zur Durchsetzung rechtsstaatlicher Grundsätze aufrufen würde, stünde mit Sicherheit ziemlich alleine auf der Straße, weil viele sagen würden: Dafür müssen wir nicht demonstrieren, das haben wir ja. Aber Freiheit, Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit sind eben keine Selbstverständlichkeiten und nichts Naturgegebenes.
Es sind Errungenschaften unserer Gesellschaft, sind, würde ich sagen, die kostbarsten Güter und die Säulen unserer Existenz. Was passiert, wenn diese Säulen wegbrechen? Wenn Willkür Menschenleben und Familien zerstört?

Horst Kampioni wird 1927 in Frankfurt (Oder) geboren. Mit 17 muss er an die Front, dient bis 1945 als Matrose bei der Kriegsmarine. Er kommt zurück, wird Tischler, dann Fotoreporter und bereits 1946 Mitglied der SED, kaum, dass sich die neue sozialistische Partei gegründet hat. Er arbeitet für den Neuen Tag hier in diesen Gebäuden, die SED-Zeitung für den 1952 gegründeten Bezirk Frankfurt (Oder).
Bis hierhin liest sich seine Biographie, als gehörte er zu jenen Genossen, die im Osten Deutschlands mit innerer Überzeugung einen neuen Staat und den Sozialismus aufbauen wollten.

Am 1. Oktober 1952 aber wird Horst Kampioni auf Veranlassung der sowjetischen Staatssicherheitsbehörden an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Auch seine Frau wird mehrfach verhört und ins Untersuchungsgefängnis in der Berliner Magdalenenstraße gebracht. Dort sehen sich die Eheleute tatsächlich das letzte Mal.

Warum er sterben musste, das liegt bis heute im Dunkeln. Aber sehr nahe liegt die Annahme, dass dies einer der Willkürakte und einer jener Justizmorde ist, für die die sowjetischen Militärtribunale Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR verantwortlich waren. Nach Schätzung der Bundeszentrale für politische Bildung haben diese Tribunale rund 40.000 Deutsche verurteilt. Es sind Verfahren, die jeder rechtsstaatlichen Grundlage entbehren. Haftstrafe, Deportation oder Todesurteil… Bis 1953 ließen die sowjetischen Militärtribunale mehr als 3600 Todesurteile vollstrecken.

Und wenn wir heute und in Zukunft an diesem Haus und mit dieser Tafel, die nachher angebracht wird, an Horst Kampioni erinnern, dann gedenken wir stellvertretend mit ihm der vielen Opfer, die dieser Willkür ausgeliefert waren. Und zugleich sollten wir diese Tafel als Mahnung verstehen, denn sie erinnert uns auch daran, wie kostbar unsere demokratischen Werte sind.“

Dr. Maria Nooke, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Brandenburg:

„Ich freue mich, dass so viele Menschen aus Frankfurt dabei sind. Ich sehe die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche.

Mit Terror und Gewalt wurde von der Sowjetunion ausgehend eine angeblich gerechte Gesellschaft gebaut. So auch in der DDR, gegründet 1949 in der sowjetischen Besatzungszone. Es waren junge Menschen, wie der 1927 in Frankfurt (Oder) geborene Horst Kampioni, die diesen neuen Staat aufbauen wollten, die ihre Hoffnung hineinsetzten, gezeichnet durch die schrecklichen Erfahrungen des Krieges und erschüttert über die Prägungen durch die Nazizeit, durch die Ideologie und das Verbrechen. Sie wollten sich für eine bessere, für eine gerechte Zukunft einsetzen. Wie viele dieser jungen Leute 1946 in die SED eintraten, in die Partei, die den Kampf für Frieden und Demokratie proklamierte. Doch die Hoffnung zerschellte sehr schnell an der Realität. Denn die SED war keine demokratische Partei. Sie war von Anfang an eine von der Sowjetunion instruierte Kaderpartei. Zur Erinnerung: In wenigen Wochen jährt sich der Jahrestag der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED. Das ist jetzt 80 Jahre her, und 40 lange Jahre hat die DDR unter Herrschaft der SED existiert. Schon die ersten Wahlen im Jahr 1946 wurden gefälscht, weil die SED nicht den Stimmenanteil erreichte, den sie sich vorgestellt hatte, um als Vorposten der Sowjetunion das sowjetische System durchzusetzen. Diejenigen, die sich für demokratische Strukturen und Freiheit einsetzten, wurden zum Verhängnis.

Allein hier in Frankfurt (Oder) wurden in den ersten Jahren nach dem Krieg über 100 Todesurteile durch sowjetische Militärtribunale vollstreckt.

Es waren Menschen, die ihre Sehnsucht nach Freiheit nicht der neuen Diktatur opfern wollten, die mutig ihre Stimme erhoben, für freie Wahlen stritten oder ihre Hoffnung auf den Westen setzten. Diese alle wurden nach dem berüchtigten Artikel 58 der sowjetischen Strafgesetzbücher verurteilt.

Was Horst Kampioni nun direkt vorgeworfen wurde – Spionage, Sabotage, antisowjetische Haltung – ist bis heute nicht bekannt.

Wenn heute auf die DDR zurückgeschaut wird, wird diese frühe Zeit stalinistischer Repression in ihrer vernichtenden Ausprägung ausgeblendet. Doch das war die

Grundlage, auf der die DDR existierte. Stalinismus gab es auch in der DDR. Hier in Frankfurt (Oder) zeigte er sich in all seiner Totalität und Unmenschlichkeit.

Ich erinnere nur an die Proteste auch hier in Frankfurt 1989, wo sich die Menschen auf der Straße gegen dieses System wandten. Die stalinistischen Anfangsjahre gehören genauso zur Geschichte der DDR wie der Mauerbau und die friedliche Revolution von 1989.“

Sebastian Sachse, Bildungsreferent der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft:

„Diese Gedenktafel der letzten Adresse hier in Frankfurt (Oder) ist mehr als nur ein Stück Metall an einer Wand. Sie ist ein Versprechen. Wir versprechen, dass solche Einzelschicksale nicht in der Anonymität der Diktatur verschwinden. Nur wenn wir die Geschichten der Opfer kennen, können wir die Freiheit der Gegenwart schätzen und verteidigen. Wir danken dem Verein Memorial Deutschland e.V. für seine unermüdliche Arbeit mit dem Projekt „Die letzte Adresse“, sichtbare Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Möge diese Tafel uns alle daran erinnern, dass dahinter ein Mensch, ein Talent und eine gewaltsam beendete Lebensreise steht.“

Dr. Karl-Konrad Tschäpe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“ (Museum Viadrina):

„Es ist ein historischer Tag, an dem wir zum ersten Mal in dieser Stadt eine Gedenktafel für ein Opfer des Stalinismus einweihen. Hier ist ein Anfang gesetzt worden für etwas, das noch vor uns liegt und was ganz wichtig ist in dieser Stadt.

Und was mich auch besonders berührt, ist, dass ich jetzt zum ersten Mal ein Foto dieses offenbar freundlichen Menschen sehe, über dessen tragisches Schicksal wir wenig wissen, aber immerhin genug, um an Zeiten zu erinnern, die offenbart haben, was Menschen anderen Menschen antun konnten. Es wurde gerade schon gesagt, es gab hier auch schon andere Zeiten, also die Periode von 1945 bis 47, wo allein in dieser Stadt über 100 Menschen nicht nur zum Tode verurteilt, sondern eben auch hier vor Ort irgendwo hingerichtet worden sind. In dieser Zeit ist Frankfurt (Oder) der wichtigste Hinrichtungsort in der gesamten Besatzungszone überhaupt. Und insofern ist das natürlich auch ein Thema, das, Herr Dr. Strasser hat es gesagt, bei uns in der Gedenkstätte, die bald eröffnet wird, eine wichtige Rolle spielt. Es ist ein Ort, der selbst Ort von Hinrichtungen war. Nicht nur in der sowjetischen Besatzungszeit, auch in der DDR-Zeit. Viele Dinge wissen wir noch nicht. Diese Dinge sind noch zu erforschen. Aber wir wissen inzwischen: Es geht auch um Massenverhaftungen 1947/48.

Wir haben hier viel zu erzählen über die Zeit der sowjetischen Besatzung, aber eben, wie im Fall von Horst Kampioni, auch über die Anfänge des Landes, das wir zum Teil ja noch miterlebt haben, nämlich der DDR. Es war kein freies Land, das unter den Bedingungen der Besatzung agierte und das, wie an dem Beispiel gesehen, Menschen ausgeliefert hat, die dann gar nicht hier vor Ort, sondern im fernen Osten, in Moskau hingerichtet worden sind. Ich glaube aber, wir brauchen alle Kraft, um der Macht des Vergessens etwas entgegenzusetzen.“

Claus Liesegang, Chefredakteur der Märkischen Oder-Zeitung:

„Liebe Familie Kampioni, liebe hier Versammelten. Was für ein bemerkenswerter Tag heute. 99 Jahre nach seiner Geburt in Frankfurt (Oder), 73 Jahre nach seiner Ermordung und fast auf den Tag genau 36 Jahre nach dem Ende seiner Zeitung, dem Neuen Tag, und der Gründung der Märkischen Oder-Zeitung treffen wir uns also hier, um Horst Kampioni zu gedenken.

Wir treffen uns in einer Zeit, die zwar gottlob der des Stalinismus nicht vergleichbar ist, aber doch in der der freie Journalismus immer stärker unter Druck gerät. Was in der Pandemie begann, sich über die Bauernproteste fortsetzte und eng mit der erwachenden und wachsenden Sympathie für rechtspopulistische Politik bis hin zu rechtsradikalem Gedankengut verbunden ist, äußert sich nicht nur in für uns Journalisten diffamierenden Schlagworten wie Lügenpresse oder Staatsmedien. Es betrifft auch keineswegs nur die überregionalen deutschen Leitmedien oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Es betrifft auch den Lokaljournalismus, den Journalismus des Horst Kampioni, denn auch Kolleginnen von MOZ und Lausitzer Rundschau sind in den vergangenen Jahren mehrfach Opfer verbaler und körperlicher Gewalt geworden.

Die schlimmsten Höhepunkte waren die Einkesselung und körperliche Attacke eines sichtbar behinderten Kollegen. Dieser hatte nur ein Bein und ging an Krücken. Und auch der Versuch eines aus einem Auto grölenden rechtsradikalen Mobs, eine unserer Reporterinnen zu überfahren. Sie rettete ihr Leben durch einen Sprung zur Seite.

Aus diesem Grund ist es mir nicht nur eine Ehre, heute dabei zu sein, wenn Horst Kampioni gedacht wird. Es ist mir auch eine Verpflichtung, aus diesem Anlass den Wert der Pressefreiheit, den Wert freier Medien zu betonen. Das Anbringen der Gedenktafel für Horst Kampioni ist ein wirklich wichtiger Moment für den Erhalt von freiem und unabhängigem Lokaljournalismus.

Als uns im November 2025 die Anfrage von Mario Bandi zur Gedenktafel für einen ehemaligen Fotoreporter des Neuen Tag erreichte, da hat mich das sofort sehr betroffen gemacht.

Viele sagen, dass es wenige Jahre nach Kriegsende auch in unserer Stadt ein Klima der Angst und des Misstrauens gegeben haben muss. Die Willkür und Brutalität einer Diktatur, wie es sie unter Stalin und in der frühen DDR gab, konnten offensichtlich jeden treffen und eben auch Mitarbeiter von Zeitungsredaktionen, die die Parteilinie vertraten. Ich kann nur mutmaßen, dass viele Journalisten und Reporter damals jedes Wort genau abgewogen, jedes Bild genau unter die Lupe genommen haben, bloß um nicht negativ aufzufallen oder angeschwärzt zu werden. Die Tafel, die von uns hier heute angebracht wird, ist daher für mich auch ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Freiheiten, die wir jetzt haben, eben nicht selbstverständlich sind, sondern – Herr Strasser hat es auch schon gesagt – dass wir für ihren Erhalt eintreten müssen. Und dazu gehört für mich nicht zuletzt eine lebendige Erinnerungs- und Gedenkkultur.“

Eine stille Gedenkminute für Horst Kampioni – diesen Menschen, der auf so tragische Weise sein junges Leben verloren hat, der nicht mehr für seine Familie da sein konnte und dessen Kinder ohne ihn aufwachsen mussten.