Das Nachkriegsschicksal der Wittenberger Schüler

Im Januar 1946 meldete der sowjetische Geheimdienst in Brandenburg einen großen „Erfolg“: In der kleinen Stadt Wittenberge sei eine Terrororganisation aufgedeckt worden, und alle 29 Mitglieder seien verhaftet worden. Unter ihnen waren 17 Oberklässler – es handelte sich um eine Jugendgruppe, die laut Anklage mehr sein sollte: eine Partei, die sich ausdrücklich „national-demokratisch“ nannte und angeblich einen bewaffneten Aufstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht plante.

Verurteilt wurde die Gruppe auf Grundlage des berüchtigten Artikel 58 des Strafgesetzbuchs der RSFSR / UdSSR, der „konterrevolutionäre Verbrechen“ regelte. Gemäß Absatz2 „bewaffneter Aufstand“ wurden neun Angeklagte zur „höchsten Maßnahme sozialer Verteidigung“, zum Tode durch Erschießen, verurteilt. Andere wurden mit der milderen „Maßnahme des sozialen Schutzes“ bestraft – mit zehn Jahren Haft im Umerziehungslager.

In einer Stadt im Westen gibt es eine Gegend, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen ist – dort stehen fast ausschließlich Villen und Einfamilienhäuser. Vor einem schönen Haus empfängt mich ein freundlicher Herr: Klaus Adlung, geboren in Wittenberge – nicht mit der Lutherstadt zu verwechseln – Jahrgang 1930. Unser Gespräch beginnt mit einem Gedankensprung:

Vollständige politische Rehabilitierung vom 7. Februar 1995. (Quelle: Datenbank rehabilitierte Verurteilte, Dokumentationsstelle, Dresden)

Wenn Klaus Adlung sagt „wir“, meint er die Überlebenden, darunter Gisela Gneist, damals Dohrmann, Horst Neuendorf, Ursula Klinger. Ein Buch, das diesen Schicksalen gewidmet ist, hat ihre Erinnerungen festgehalten. Wegen der geringen Auflage ist es heute eine Rarität.

Heute ist Klaus Adlung der einzige Zeitzeuge, und das macht seine Erzählung so wertvoll. Seine Geschichte beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Wittenberge, einer Stadt an der Elbe in der Prignitz, die von den Zerstörungen des Krieges weitgehend verschont blieb.

Obwohl der Krieg eigentlich entschieden war, ging das kriegsbedingte Leben im Städtchen noch weiter. Das Lyzeum der Mädchen war zum Lazarett umfunktioniert worden, und die Mädchen kamen in die Oberschule für Jungens. Die Stadt war ein Knotenpunkt für Flüchtlingszüge aus dem Osten. Bei ihrer Ankunft waren die Schüler zum Bahnhofdienst verpflichtet, sie sahen zum ersten Mal Tote in den Waggons. Im Haus der Familie Adlung fand eine Familie aus Königsberg die Zuflucht, und das war ein „harmonisches Beisammensein“ – sagt Klaus Adlung.

Offiziere und Volkssturmkämpfer in großer Angst vor der Roten Armee flohen über die Elbe zu den Engländern – zu den Feinden, aber wie man damals meinte, zu den „fairen Feinden“. Auch der Vater von Klaus ist im letzten Moment mit den letzten Wehrmachtoffizieren über die Elbe gekommen. Klaus blieb mit Mutter und der 18-jährigen Schwester in der Stadt. Und dann fiel das Dritte Reich.

Bis zum 8. Mai 1945 war Klaus noch in der vierten Klasse Oberschule. Als Kind träumte er davon, Marineoffizier zu werden. „Es wird nie wieder eine Marine geben“, sagte seine Mutter. Also begann er eine Tischlerlehre. Er mochte Holz, mit Metall kam er nicht zurecht. In der Werkstatt fertigte er Pylonen für Befreiungsfeiern, Stalin-Porträts und Ständer für Losungen – Bilder einer beginnenden Propagandawelt. Unter Seinesgleichen ging ihm das sehr gegen den Strich, denn diese Art der Propaganda kannten sie schon von den Nazis.

Marie-Curie-Gymnasium Wittenberge

Sein Name war Günter Schulz, er wurde 1924 in Wittenberge geboren. Er war mit einem anderen namens Dieter Bolde zusammen, der ebenfalls 1924 geboren wurde und seit 1942 Mitglied der NSDAP war. Gemeinsam gründeten sie diese Gruppe.

Rehabilitierungsbeschluss vom 7. Februar 1995. (Quelle: Datenbank rehabilitierte Verurteilte, Dokumentationsstelle, Dresden)

Rehabilitierungsbeschluss vom 7. Februar 1995. (Quelle: Datenbank rehabilitierte Verurteilte, Dokumentationsstelle, Dresden)

Man kann durchaus sagen, dass in den Köpfen der jungen Generation in ganz Deutschland – egal, ob das Land besiegt oder befreit wurde – Ideen brodelten, wie das neue Leben organisiert werden könnte. Bekannt ist zum Beispiel eine Gruppe aus der thüringischen Meuselwitz, die in den Nachkriegsjahren von der neuseeländischen Art der Demokratie träumte. Ihnen war auch sofort der sowjetische Geheimdienst auf den Fersen. Anfänglich gab es viele Schauprozesse gegen echte Naziverbrecher. Mit der Zeit verwandelte sich diese stalinistische Entnazifizierung in der Sowjetischen Zone jedoch in die reine Verfolgung aller Andersdenkenden.

Am 9. Januar 1946 wurden alle 29 Mitglieder der „Partei” verhaftet und in die Villa Krüger in Brandenburg gebracht. Das Gebäude war beschlagnahmt worden und diente als sowjetisches Untersuchungsgefängnis. Es sprach sich schnell herum, dass sie von den Sowjets doch nicht gleich entlassen werden, sondern mit einem halben Jahr Umerziehungslager bestraft werden.

Am 9. Februar 1946 sahen einige Häftlinge beim Austragen der Kanne, dass schwarze Limousinen vor dem Hof der Kommandantur vorgefahren waren: Das sowjetische Militärtribunal war angekommen. Das Gericht tagte im Paradesaal, wo bereits Offiziere mit Gold und Orden saßen. Klaus konnte sich nicht daran erinnern, dass ein Verteidiger dabei war. Aber eine Dolmetscherin …

Den 29 Angeklagten, von denen die meisten 14 bis 17 Jahre alt waren, wurde vorgeworfen, eine geheime faschistische Organisation gegründet zu haben, um antisowjetische Propaganda zu betreiben und einen bewaffneten Kampf gegen die Kommunistische Partei Deutschlands zu führen.

Insgesamt wurden neun Todesurteile ausgesprochen. Im April 1946 wurden fünf der Verurteilten – darunter die beiden Mütter und die Mädchen – zu zehn Jahren Lagerhaft «begnadigt».

Dieter Bolde, einer der beiden Organisatoren der Gruppe, wurde hingegen nicht verurteilt und konnte später nach Westdeutschland ausreisen. Das ist aus einem Dokument ersichtlich, das sich im Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen befindet.

Offenbar war er ein Provokateur, der diese Gruppe auf Anweisung der sowjetischen Geheimdienste gründete, um sie anschließend für einen Schauprozess auszuliefern und sich damit freizukaufen. Ob der sowjetische Geheimdienst wirklich wusste, dass er seit dem 1. September 1942 Mitglied der NSDAP war, ist heute nicht zu belegen. Seine NSDAP-Mitgliederkartei mit der Nummer 9150687 liegt jedoch im Bundesarchiv.

Diese Praktik des sowjetischen Geheimdienstes NKWD ist seit den 1930er Jahren bekannt. A. Solschenizyn hat in „Archipel GULAG“, Teil 1, ausführlich darüber berichtet, und das ist nur ein Beispiel.

Einer der zum Tode Verurteilten, der neunzehnjährige Alfred Braband, hat die Begnadigung nicht erlebt.

Foto: „Allenfalls kommt man für ein halbes Jahr in ein Umschulungslager“, Hrsg. Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V. 1998

Die Sowjetmacht verwandelte die ehemaligen Nazi-KZs in Straflager des Gulags. Diese wurden Teil eines weitverzweigten Systems aus Tausenden sowjetischen Arbeitslagern, Strafkolonien und Gefängnissen.

So wurde das KZ Sachsenhausen in das sowjetische Straflager Nr. 7 umgewandelt. In diesem Speziallager landeten die Wittenberger Schüler, die zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden waren nachdem sie zuvor rund sieben Monate im NKWD-Gefängnis Alt-Strelitz saßen.

Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Sowjetisches Speziallager Nr. 7

Heute ist dort ein großer Ausstellungsraum diesem Thema gewidmet.

Und tatsächlich starben zwölf von ihnen nacheinander an Hunger und Tuberkulose.

Namen huschen durch seinen Kopf: Klassenkameraden, Freunde.

In der Nähe des Museums Sachsenhausen befinden sich neben einem Obelisken drei Kreuze mit den Namen der im Lager verstorbenen jungen Menschen. Eines davon ist den Wittenberger Schülern gewidmet.

Massengrab „An der Düne

Sein eigenes Überleben verdankte Klaus Adlung zwei Zufällen. Zunächst mit einer Diagnose: TBC, also Tuberkulose im Anfangsstadium. Klaus kommt ins Lagerlazarett:

Der zweite Glücksfall war ein Treffen mit Professor Gildemeister, einem Bakteriologen. Er war ebenfalls Häftling, arbeitete jedoch im Labor des Lagers und benötigte Unterstützung. Häftling Adlung bekam ein Angebot mitzuarbeiten.

Aber Klaus hat schnell begriffen, dass es eine Überlebenschance ist, denn man bekam mehr zu essen und war am Tage raus aus der Baracke. Während seiner vierjährigen Haft in Sachsenhausen lernte er beim Professor ganz konkrete Laborarbeit. Offensichtlich hatte der Professor ihn auch sehr gern.

Dieser Professor Hermann Gildemeister darf nicht mit dem anderen, Eugen Gildemeister verwechselt werden, der als Direktor des Robert-Koch-Instituts durch seine Versuche an KZ-Häftlingen bekannt wurde und am Ende des Krieges Selbstmord beging. 1

Im Frühjahr 1950, wenige Monate nach Gründung der DDR, wurden die letzten Lager aufgelöst. Aus dem Speziallager Nr. 7 (ab 1948 Nr.1) wurden ca. 8000 Häftlinge entlassen, eine kleinere Gruppe in die Sowjetunion transportiert. 5500 Häftlinge überstellte das NKWD an die Behörden der DDR. Unter ihnen befanden sich 1119 Frauen und ca. 30 der im Lager geborenen Kinder.

Foto: Winfried Gaenssler – Wikipedia, Justizvollzugsanstalt Untermaßfeld

Das monumentale Gefängnis im thüringischen Untermaßfeld existiert seit 1813 bis heute. Ab 1950 unterstand es den Behörden der DDR und diente als Sammelort für Kriegsverbrecher – darunter Personen, die von sowjetischen Militärtribunalen als solche verurteilt worden waren – sowie für politische Gefangene. Die meisten von ihnen kamen aus dem KZ Sachsenhausen. Die Bedingungen waren etwas weniger unwürdig: „Nur” elf Gefangene in der Dreimannzelle und man wurde einigermaßen satt, sagt Klaus Adlung, für den der Traum von der Freiheit erneut zerplatzte.

Die Lage war katastrophal: Klaus war immer noch krank. Der Professor sprach den Kommandanten an.

Eines Tages ließ sich Professor Gildemeister unvorsichtig in ein Streitgespräch mit dem Kommandanten hineinziehen:

Aber die Tuberkulose breitete sich weiter aus. Ein Gefängnislabor war unabdingbar. Doch wer sollte es leiten? Die mitgefangenen ehemaligen Ärzte haben abgelehnt:

Mit 20 Jahren Chef des Labors: er trennte Ansteckende von Gesunden, diagnostizierte, schrieb Befunde, trat außerdem gelegentlich den fußgetriebenen Bohrer beim Zahnarzt. Und plötzlich gab es einen Brief von zu Hause. Man durfte auch selbst nach Hause schreiben. Klaus erfuhr, dass er in den Jahren einen Halbbruder bekommen hat, dass seine Schwester geheiratet hatte. Die Familie war nun erleichtert, dass Klaus nicht irgendwo in Sibirien gestorben ist. Und es kamen Pakete! Streng verboten waren aber die Medikamente und man durfte um Gottes Willen keine Südfrüchte ins Gefängnis senden, um eine mögliche Bestechung der Wachmeister zu verhindern.

Im Jahr 1954 begann eine Welle von Entlassungen. Diese fanden immer abends und nachts statt, damit die anderen Gefangenen nichts mitbekamen. Fast alle gingen dann nach Hause in den Osten. Der Vater von Klaus war jedoch bei seiner alten Stelle bei der Bahn in Hamburg.

„Was ist denn, wenn ich jetzt sage: nach Hamburg?

Er ließ Klaus spät abends allein in einem Saal zurück. Es vergingen endlose Stunden. Dann tauchte ein anderer Offizier auf:

Das Grenzdurchgangslager Friedland war 1955 der Ort, an dem vor allem die letzten 10.000 Kriegsgefangenen, die aus der Sowjetunion in den Westen kamen, aufgenommen wurden.


1 In Sachsenhausen war Hermann Gildemeister, geboren 1910 in Straßburg/Elsaß.
Nach seiner Promotion war er ab Juli 1938 zwar ebenfalls am Robert-Koch-Institut in Berlin angestellt, wurde aber schon 1939 zur Wehrmacht einberufen. Von 1941 bis 1944 war er dann am Institut für Mikrobiologie der Wehrmacht auf Schloss Sachsenburg (bei Frankenberg) tätig.
Ein Jahr nach seiner Inhaftierung in der Strafanstalt Untermaßfeld kam er nach Torgau und wurde schließlich bis 1955 nach Coswig verlegt.
Nach seiner Entlassung floh er und arbeitete ab 1956 erneut am RKI.
(Quelle: Seite 325 der Dissertationsschrift von Anne Kolouschek an der TU Dresden, 2017)