Im Januar 1945 meldete der sowjetische Geheimdienst in Brandenburg einen großen „Erfolg“: In der kleinen Stadt Wittenberge sei eine Terrororganisation aufgedeckt worden, und alle 29 Mitglieder seien verhaftet worden. Unter ihnen waren 17 Oberklässler – es handelte sich um eine Jugendgruppe, die laut Anklage mehr sein sollte: eine Partei, die sich ausdrücklich „national-demokratisch“ nannte und angeblich einen bewaffneten Aufstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht plante.

Verurteilt wurde die Gruppe auf Grundlage des berüchtigten Artikel 58 des Strafgesetzbuchs der RSFSR / UdSSR, der „konterrevolutionäre Verbrechen“ regelte. Gemäß Absatz2 „bewaffneter Aufstand“ wurden neun Angeklagte zur „höchsten Maßnahme sozialer Verteidigung“, zum Tode durch Erschießen, verurteilt. Andere wurden mit der milderen „Maßnahme des sozialen Schutzes“ bestraft – mit zehn Jahren Haft im Umerziehungslager.

In einer Stadt im Westen gibt es eine Gegend, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen ist – dort stehen fast ausschließlich Villen und Einfamilienhäuser. Vor einem schönen Haus empfängt mich ein freundlicher Herr: Klaus Adlung, geboren in Wittenberge – nicht mit der Lutherstadt zu verwechseln – Jahrgang 1930. Unser Gespräch beginnt mit einem Gedankensprung:

„40 Jahre nach der Entlassung aus dem Gefängnis kriegten wir einen Brief aus Moskau, da stand dann drin, weshalb wir verurteilt worden sind: Waffenbesitz. Aber mit Waffen und was die alles schreiben, dass wir wieder Krieg wollten… Wir waren 15 Jahre alt. Der Krieg war sechs Monate vorbei und wer sollte Krieg führen?
Aber wir haben die Akten noch mal angesehen, Sie haben keinen Russen was zuleide getan und sind hiermit rehabilitiert. Also die ganze Tortur der Verurteilung, der Haft, des Sterbens war alles für die Katz.“

Vollständige politische Rehabilitierung vom 7. Februar 1995. (Quelle: Datenbank rehabilitierte Verurteilte, Dokumentationsstelle, Dresden)

Wenn Klaus Adlung sagt wir, meint er die Überlebenden, darunter Gisela Gneist, damals Dohrmann, Horst Neuendorf, Ursula Klilnger. Ein Buch, das diesen Schicksalen gewidmet ist, hat ihre Erinnerungen festgehalten. Wegen der geringen Auflage ist es heute eine Rarität.

Heute ist Klaus Adlung der einzige Zeitzeuge, und das macht seine Erzählung so wertvoll. Seine Geschichte beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Wittenberge, einer Stadt an der Elbe in der Prignitz, die von den Zerstörungen des Krieges weitgehend verschont blieb.

„Die Bomber nach Berlin oder Magdeburg flogen über Wittenberge zurück. Anfangs warfen sie hier nichts ab. Erst ganz zum Schluss, 1945, änderte sich das. Da hatten sie offenbar noch viele Bomben an Bord und die ließen sie dann über Wittenberge fallen. Die Flak schoss, die Verbände gingen auseinander, und man sagt, neunzig Prozent der Bomben seien in die Elbe gegangen. Also Wittenberge ist sehr gut dadurch weggekommen.

Dann kamen die Engländer. Sie hielten an der Elbe, schossen auf Wittenberge, die Deutschen ein bisschen zurück, aber im Grunde hat keiner dem anderen noch ernsthaft wehgetan. Die Engländer wollten Wittenberge gar nicht mehr erobern – sie wussten, dass sie Brandenburg ohnehin wieder räumen mussten. Das war mit den Russen so abgesprochen.“

Obwohl der Krieg eigentlich entschieden war, ging das kriegsbedingte Leben im Städtchen noch weiter. Das Lyzeum der Mädchen war zum Lazarett umfunktioniert worden, und die Mädchen kamen in die Oberschule für Jungens. Die Stadt war ein Knotenpunkt für Flüchtlingszüge aus dem Osten. Bei ihrer Ankunft waren die Schüler zum Bahnhofdienst verpflichtet, sie sahen zum ersten Mal Tote in den Waggons. Im Haus der Familie Adlung fang eine Familie aus Königsberg die Zuflucht, und das war ein „harmonisches Beisammensein“ – sagt Klaus Adlung.

Offiziere und Volkssturmkämpfer in großer Angst vor der Roten Armee flohen über die Elbe zu den Engländern – zu den Feinden, aber wie man damals meinte, zu den „fairen Feinden“. Auch der Vater von Klaus ist im letzten Moment mit den letzten Wehrmachtoffizieren über die Elbe gekommen. Klaus blieb mit Mutter und 18-jährigen Schwester in der Stadt. Und dann fiel das Dritte Reich.

„Eines Tages kamen die Russen. Wir haben uns im Keller verkrochen, weil wir Angst hatten, dass es vielleicht noch geschossen wird, aber es war kein deutscher Soldat mehr da. Erst hörten wir draußen Pferdegetrappel. Das waren die ersten Kosaken, die durch Wittenberge ritten und wohl eruieren wollten, ob noch Widerstand zu erwarten ist. Am nächsten Tag zogen dann Tausende von Russen auf primitivsten Wagen mit Pferden ein und spielten eine Art der Weise Rosamunde. Also, wenn ich Rosamunde heute höre, dann denke ich an den Einzug der Russen!

Die Wohnungen durften nicht abgeschlossen werden. Meine ältere Schwester verkroch sich jedes Mal, wenn ein Russe in Sicht war – auf dem Boden, unter einer großen Nähmaschine, mit Decken darüber. Im Großen und Ganzen sind wir so glimpflich davongekommen, bis auf einen Vorfall, der mich wachgerüttelt hat: Ich stand vor unserer Tür und sah, wie ein Deutscher mit dem Fahrrad ankam.

Er wurde von einem sogenannten Fremdarbeiter angehalten – einem der Leute, die aus dem Osten zur Arbeit nach NS-Deutschland geholt worden waren. Der wollte ihm das Fahrrad abnehmen; es gab Streit. Dann kam ein deutscher Polizist, inzwischen Kommunist, mit roter Armbinde. „Fahr du weiter, das ist dein Rad“, sagte er zu dem Deutschen. In dem Moment tauchte eine russische Patrouille auf. Der Fremdarbeiter konnte offenbar Russisch, rief sie herbei. Die hielten den Polizisten an, stellten ihn an die Wand, zogen die Maschinenpistolen und erschossen ihn.

Das war für mich der eigentliche Wendepunkt. Wir hatten bis zuletzt – in unserem Kinderwahn – noch geglaubt, man könne den Krieg irgendwie gewinnen. Aber da wurde mir klar: Ohne Recht sind wir verloren. So wenig ist das deutsche Leben noch wert, wo die Russen ihren eigenen Parteigenossen töten, denn die Polizisten waren ja alte Kommunisten, bis 1933 waren sie Mitglieder der kommunistischen Partei.“

Bis zum 8. Mai 1945 war Klaus noch in der vierten Klasse Oberschule. Als Kind träumte er davon, Marineoffizier zu werden. „Es wird nie wieder eine Marine geben“, sagte seine Mutter. Also begann er eine Tischlerlehre. Er mochte Holz, mit Metall kam er nicht zurecht. In der Werkstatt fertigte er Pylonen für Befreiungsfeiern, Stalin-Porträts und Ständer für Losungen – Bilder einer beginnenden Propagandawelt. Unter Seinesgleichen ging ihm das sehr gegen den Strich, denn diese Art der Propaganda kannten sie schon von den Nazis.

„Dann starb meine Mutter im Mai, also noch gleich nach dem, als die Russen einzogen. Für einen Fünfzehnjährigen, der immer an ein Großdeutschland gedacht hat, begann eine ganz, ganz traurige Zeit. Ein Traum zerfiel, das muss man schon so sehen, ohne dass man sich vorstellen konnte, dass etwas oder etwas anderes hätte in der Zukunft sein können. Das Alte war tot und das Neue war nicht da.

Marie-Curie-Gymnasium Wittenberge

Dann begann die Schule wieder, ich weiß nicht genau. September, Oktober. Und dann sagte der Tischlermeister zu mir: Klaus, hast dich ganz potent eingestellt, aber für dich ist eigentlich die Schule das Richtige. Ich nehme den Vertrag nicht ernst und du kannst wieder in die Schule gehen.

In der Schule haben wir dann überlegt, was man noch tun kann. Wir durften vieles nicht, beispielsweise das Schwimmbad nicht mehr benutzen, weil wir nicht der gerade gegründeten Kommunistischen Jugend beigetreten sind.

Und das hat uns schon dann zum Aussätzigen von der Seite der Russen gemacht.

Dann kam die Idee: Sollte man der kommunistischen Jugend nicht etwas entgegensetzen? Da war wieder ein neues Lebensziel.

Dann kam ein älterer junger Mann aus dem Westen, einer Schulz, der war älter… Ich weiß gar nicht, er war Anfang 20 vielleicht gewesen sein. Er sagte: „Diese kommunistische Jugend hier muss doch nicht sein.” Im Westen gibt es verschiedene Parteien, die von den Besatzungstruppen geduldet werden. Hier gibt es nur russisch bestimmte Parteien, wie die KPD/SPD, die damals noch nicht zusammengeschlossen waren. Wir werden auch so eine Gruppe bilden!“ Und da haben wir, Jungs, ja gesagt, sicherlich war das auch ein bisschen Abenteuer für uns.“

Sein Name war Günter Schulz, er wurde 1924 in Wittenberge geboren. Er war mit einem anderen namens Dieter Bolde zusammen, der ebenfalls 1924 geboren wurde und seit 1942 Mitglied der NSDAP war. Gemeinsam gründeten sie diese Gruppe.

Rehabilitierungsbeschluss vom 7. Februar 1995. (Quelle: Datenbank rehabilitierte Verurteilte, Dokumentationsstelle, Dresden)

„Wir wollten Demokratie zeigen und liberal sein. Das mussten wir als Jungs damals erst lernen, denn unsere Erziehung war nicht politisch effektiv. Wir waren einfach so, wie die Nazis es damals wollten. Wir hatten die Idee, dass es auch andere Parteien geben muss. Wir wollten eine Jugendgruppe, eine Jugendpartei gründen, so könnte man sagen. Eine Partei, die Widerstand leisten kann, nicht mit Pistolen und Gewehren, sondern mit moralischem Widerstand.

Rehabilitierungsbeschluss vom 7. Februar 1995. (Quelle: Datenbank rehabilitierte Verurteilte, Dokumentationsstelle, Dresden)

Wir haben kommunistische Flugblätter abgerissen. Auch haben wir mal welche selbst geschrieben, in denen wir gesagt haben: „Hallo, wir wollen ja, weiß nicht, ob wir das auch demokratisch gesagt haben, aber liberal.” Wir wollen nicht kommunistisch sein. Aber weiter gar nichts. Da waren wir 29, da waren fünf Mädchen dabei und zwei Mütter. Und die Mütter waren eigentlich nur dabei – die haben uns geduldet, dass wir uns in ihrer Wohnung mal treffen konnten. Und dann dauerte es nicht lange, da wurden wir angezeigt und verhaftet und wussten nicht, warum.“

Man kann durchaus sagen, dass in den Köpfen der jungen Generation in ganz Deutschland – egal, ob das Land besiegt oder befreit wurde – Ideen brodelten, wie das neue Leben organisiert werden könnte. Bekannt ist zum Beispiel eine Gruppe aus der thüringischen Meuselwitz, die in den Nachkriegsjahren von der neuseeländischen Art der Demokratie träumte. Ihnen war auch sofort der sowjetische Geheimdienst auf den Fersen. Anfänglich gab es viele Schauprozesse gegen echte Naziverbrecher. Mit der Zeit verwandelte sich diese stalinistische Entnazifizierung in der Sowjetischen Zone jedoch in die reine Verfolgung aller Andersdenkenden.

„Mein Vater war in Gefangenschaft. Meine Mutter war gestorben und meine Schwester war nicht zu Hause. Sie war Hamstern. Sie arbeitete bei einem Arzt als Sprechstundenhilfe und er hatte viele Patienten aus der Landwirtschaft. Von ihnen bekam meine Schwester mal Brot, mal Butter. Aber sie kam nicht immer wieder zurück, weil abends, ich weiß nicht, ab 20 Uhr durfte keiner mehr auf die Straße. Ich war also mit den Flüchtlingen allein.

Da wurde ich von der Flüchtlingsfrau geweckt: „Klaus, da ist ein Polizist draußen, der will dich mitnehmen.” Du bist verhaftet. „Bin ich verhaftet?” Man geht mit – denkt dran, eine Decke oder einen Mantel oder so etwas mitzunehmen. Ein deutscher Polizist hat mich abgeliefert.“

Am 9. Januar 1946 wurden alle 29 Mitglieder der „Partei” verhaftet und in die Villa Krüger in Brandenburg gebracht. Das Gebäude war beschlagnahmt worden und diente als sowjetisches Untersuchungsgefängnis. Es sprach sich schnell herum, dass sie von den Sowjets doch nicht gleich entlassen werden, sondern mit einem halben Jahr Umerziehungslager bestraft werden.

„Ein halbes Jahr Umerziehungslager? Okay, das müssen wir machen.

Wir kamen in einen sogenannten GPU Keller. Als wir reinkamen, saßen bei spärlichstem Licht auf einer Holzpritsche an die 20 Leute nur im Hemd oder mit bloßem Oberkörper und machten also komische Bewegungen mit den Händen:

– Jungens, von Anfang an müsst ihr aufpassen, dass die Läuse nicht überhand kriegen! Und haben uns gezeigt, wie man Läuse knackt mit Fingernägeln…

Das war die schlimmste Zeit überhaupt. Wir hörten nachts die Verhöre. Und wenn die Russen dann durch die Tür – das war eine Riesenvilla – durch das Treppenhaus liefen und in den Namen brüllten, dann zuckten alle zusammen – hoffentlich bist du heute nicht dran.

Und dann hörten wir das Schreien, wie die verprügelt wurden… Jeder unterschreibt Sachen, wenn er denkt, er wird halbtot geschlagen. Und uns hat man gesagt: Ihr wollt wieder Krieg… Wir wollten keinen Krieg, wir waren 15 Jahre alt, wir hatten keinen Soldaten, wir hatten keine Panzer, kein Flugzeug…

Man hatte kein Wasser zum Waschen, gar nichts. Aber es stand eine alte große Milchkanne in der Ecke, und die Milchkanne musste für die 20 Leute reichen. Und die wurde einmal geleert. Also möglichst zum Schluss noch schnell aufs Klo gehen, ehe sie hinaus hintragen wurde.“

Am 9. Februar 1946 sahen einige Häftlinge beim Austragen der Kanne, dass schwarze Limousinen vor dem Hof der Kommandantur vorgefahren waren: Das sowjetische Militärtribunal war angekommen. Das Gericht tagte im Paradesaal, wo bereits Offiziere mit Gold und Orden saßen. Klaus konnte sich nicht daran erinnern, dass ein Verteidiger dabei war. Aber eine Dolmetscherin …

Den 29 Angeklagten, von denen die meisten 14 bis 17 Jahre alt waren, wurde vorgeworfen, eine geheime faschistische Organisation gegründet zu haben, um antisowjetische Propaganda zu betreiben und einen bewaffneten Kampf gegen die Kommunistische Partei Deutschlands zu führen.

„Da noch zu Anfang gab es Stühle für uns und vorne saßen die Russen mit Gold und Orden. Es gab noch ein bisschen Verhöre: weshalb und was wir denn wollten und warum wir die Russen hassten und so ein Kram…

Und am vierten Tag waren keine Stühle mehr da. Dann ab heute gibt es ein Urteil. Mit dem Erziehungslager, das haben wir gemerkt, wird´s nicht mehr gehen. Ob wir einen Verteidiger hatten, das wussten wir alles gar nicht. Das ging alles russisch und wurde ein bisschen übersetzt… Also, wir waren wehrlose, wirklich kleine, kleine Jungs.

Und dann wurde Günter Schulz, der aus dem Westen kam, vorgerufen.

– Schulz, aufstehen! Sie haben hier konterrevolutionär gearbeitet: Höchste Strafe der Sowjetunion – Tod durch Erschießen.

– Was hat er gesagt? Tod durch Erschießen?

Und dann wurden weitere sieben aufgerufen, auch die beiden Mütter dabei.

– Ihr werdet auch erschossen.“

Horst Hinze wurde gerufen: Er hätte das gewusst, habe aber versäumt, das den Behörden zu melden, und bekam deshalb „nur“ sieben Jahre Arbeitslager. Und da habe ich gedacht: Jetzt sagt er lebenslänglich.

Nachher hat man nur noch gesagt:

– Und ihr, der Rest, ihr kriegt alle zehn Jahre.

Gott sei Dank, nicht lebenslänglich!

Mit 15 Jahren freut man sich „nur“ zehn Jahre Arbeits- und Erziehungslager zu bekommen. Also geweint habe ich mit Sicherheit nicht. Ich weiß nicht, ob wir uns umarmt haben. Dieses Urteil – zehn Jahre Arbeitslager – das kann man nicht erfassen. Es war Kinderkram. Jungs, was habt ihr euch dabei gedacht?“

Insgesamt wurden neun Todesurteile ausgesprochen. Im April 1946 wurden fünf der Verurteilten – darunter die beiden Mütter und die Mädchen – zu zehn Jahren Lagerhaft «begnadigt».

Dieter Bolde, einer der beiden Organisatoren der Gruppe, wurde hingegen nicht verurteilt und konnte später nach Westdeutschland ausreisen. Das ist aus einem Dokument ersichtlich, das sich im Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen befindet.

Offenbar war er ein Provokateur, der diese Gruppe auf Anweisung der sowjetischen Geheimdienste gründete, um sie anschließend für einen Schauprozess auszuliefern und sich damit freizukaufen. Ob der sowjetische Geheimdienst wirklich wusste, dass er seit dem 1. September 1942 Mitglied der NSDAP war, ist heute nicht zu belegen. Seine NSDAP-Mitgliederkartei mit der Nummer 9150687 liegt jedoch im Bundesarchiv.

Diese Praktik des sowjetischen Geheimdienstes NKWD ist seit den 1930er Jahren bekannt. A. Solschenizyn hat in „Archipel GULAG“, Teil 1, ausführlich darüber berichtet, und das ist nur ein Beispiel.

Einer der zum Tode Verurteilten, der neunzehnjährige Alfred Braband, hat die Begnadigung nicht erlebt.

Foto: „Allenfalls kommt man für ein halbes Jahr in ein Umschulungslager“, Hrsg. Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V. 1998

„Alfred Braband. Der wurde in der Todeszelle von einem Wächter erschlagen. Der mochte den nicht. Wenn die Tür aufging, dann wussten die anderen, da kommt der wieder, der den Braband nicht mag.“

Die Sowjetmacht verwandelte die ehemaligen Nazi-KZs in Straflager des Gulags. Diese wurden Teil eines weitverzweigten Systems aus Tausenden sowjetischen Arbeitslagern, Strafkolonien und Gefängnissen.

So wurde das KZ Sachsenhausen in das sowjetische Straflager Nr. 7 umgewandelt. In diesem Speziallager landeten die Wittenberger Schüler, die zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden waren.

Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Sowjetisches Speziallager Nr. 7

Heute befindet sich dort ein großer Ausstellungsraum diesem Thema gewidmet.

„Im Lager haben wir überhaupt nichts getan, nur gewartet. Wenn mittags die Kessel kamen und es klapperte, kam ich mir vor wie früher bei meinen Verwandten in Thüringen im Schweinestall: Sobald das Futter kam, sprangen die Schweine auf. Und da habe ich gedacht: Wir sind wie die Schweine. – Ah, Essen, Essen, Essen…

Also wir hatten nichts, kein Stift, kein Papier. Und dennoch ist es uns gelungen, kleine Skatkarten zu malen. Wenn der Russe reinkam, dann konnte man sie in der Hand nehmen….

Geduldet haben die Russen Schach. Ich frage mich heute noch, wie wir zum Schachspiel, zum Bau eines Schachspiels gekommen sind. Die Russen haben ja absolut alles dichtgemacht. Aber irgendwo wurde ein bisschen Draht gefunden und da wurde dies, da wurde das und obwohl das Brot so knapp war, es war klitschnass, da wurde dann der König und der Reiter draus geknetet. Das Einzige, worauf wir die ganze Zeit über gewartet haben: sterben wir, sterben wir nicht. Nur Hindämmern und Warten aufs nächste Essen. Vier Jahre lang.“

Und tatsächlich starben zwölf von ihnen nacheinander an Hunger und Tuberkulose.

Namen huschen durch seinen Kopf: Klassenkameraden, Freunde.

„Horst Henning. Das war ein Klassenkamerad von mir. Verstorben. Horst Peters – verstorben. Teichmann verstorben, Tittel verstorben, Franz Werner…

Zuerst ist der gestorben, der nur sieben Jahre bekommen hat. Ausgerechnet der, der am wenigsten hatte. Horst Hinze. An unserem Alter von 14–15 Jahren gemessen, waren die 16–17-Jährigen eben weiterentwickelt, aber zu essen bekamen alle gleich viel. In der Pubertät braucht der Körper eigentlich mehr. Und so ging einer nach dem anderen.“

In der Nähe des Museums Sachsenhausen befinden sich neben einem Obelisken drei Kreuze mit den Namen der im Lager verstorbenen jungen Menschen. Eines davon ist den Wittenberger Schülern gewidmet.

Massengrab „An der Düne

Sein eigenes Überleben verdankte Klaus Adlung zwei Zufällen. Zunächst mit einer Diagnose: TBC, also Tuberkulose im Anfangsstadium. Klaus kommt ins Lagerlazarett:

„Und der Arzt, der das da machte, aber auch Gefangener:

– Denkst Du, Du kriegst Weißbrot, was? Ich sag:

– Wieso Weißbrot?

– Warum bist du hier?

– Meine Nachbarn, die haben Angst, dass ich sie anstecke.

– Ab in die Baracke. … Wie alt bist du denn?

Das war Gildemeister…“

Der zweite Glücksfall war ein Treffen mit Professor Gildemeister, einem Bakteriologen. Er war ebenfalls Häftling, arbeitete jedoch im Labor des Lagers und benötigte Unterstützung. Häftling Adlung bekam ein Angebot mitzuarbeiten.

„Der Professor Gildemeister ein ganz bekannter großer Bakteriologe, der braucht eine Hilfe und wir haben an dich gedacht.

– Was muss ich ja machen?

– Ja, alle Körperflüssigkeiten des Men…

– Ne! Das kann ich nicht!“

Aber Klaus hat schnell begriffen, dass es eine Überlebenschance ist, denn man bekam mehr zu essen und war am Tage raus aus der Baracke. Während seiner vierjährigen Haft in Sachsenhausen lernte er beim Professor ganz konkrete Laborarbeit. Offensichtlich hatte der Professor ihn auch sehr gern.

Dieser Professor darf nicht mit dem anderen Gildemeister verwechselt werden, der als Direktor des Robert-Koch-Instituts durch seine Versuche an KZ-Häftlingen bekannt wurde und am Ende des Krieges Selbstmord beging. i

Über den geheimnisvollen Professor Gildemeister im Speziallager Sachsenhausen sind momentan keine genauen Informationen verfügbar. Klaus Adlung konnte sich nicht mehr an den Vornamen des Professors erinnern.

„Zwischen den Baracken und einem Wachturm stellten sie ein Radio auf. Hallo Radio! Und da hörten wir dann, dass zwei große Kirchenleute in Sachsenhausen waren und den vorgeführt wurde, wie gut es uns ging.

Es wurde berichtet wie die Köche gegen die Bäcker Fußballspiel gemacht haben. Köche und Bäcker! Und die beiden Kirchenleute, die waren bei den Nazis eingesperrt, die blöden Leute, die haben nicht gesagt: Lasst uns mal ein bisschen abseits gehen. Also wir hörten im Radio, es wird jetzt aufgelöst und wir danken den Russen dafür…“

Im Frühjahr 1950, wenige Monate nach Gründung der DDR, wurden die letzten Lager aufgelöst. Aus dem Speziallager Nr. 7 (ab 1948 Nr.1) wurden ca. 8000 Häftlinge entlassen, eine kleinere Gruppe in die Sowjetunion transportiert. 5500 Häftlinge überstellte das NKWD an die Behörden der DDR. Unter ihnen befanden sich 1119 Frauen und ca. 30 der im Lager geborenen Kinder.

„Hurra, wir kommen nach Hause! Und dann landeten wir in einem Güterwagen und wühlten dann nachts durch die Gegend. Und am nächsten Morgen wurden wir ausgeladen, bei Meiningen, in Untermaßfeld, so hieß der kleine Ort. Der war hoch gelegen, der Bahnhof, und unter uns im Tal war eine alte Burg. Es stellte sich heraus, es war ein altes Militärgefängnis aus Kaisers Zeiten. Und da landeten wir dann noch mal für vier Jahre. Wir galten hier als Kriegsverbrecher.“

Foto: Winfried Gaenssler – Wikipedia, Justizvollzugsanstalt Untermaßfeld

Das monumentale Gefängnis im thüringischen Untermaßfeld existiert seit der Kaiserzeit bis heute. Ab 1950 unterstand es den Behörden der DDR und diente als Sammelort für Kriegsverbrecher – darunter Personen, die von sowjetischen Militärtribunalen als solche verurteilt worden waren – sowie für politische Gefangene. Die meisten von ihnen kamen aus dem KZ Sachsenhausen. Die Bedingungen waren etwas weniger unwürdig: „Nur” elf Gefangene in der Dreimannzelle und man wurde einigermaßen satt, sagt Klaus Adlung, für den der Traum von der Freiheit erneut zerplatzte.

„… und ich guckte am ersten Tag auch aus dem Fenster. Am Anfang durfte man das noch. Und wer lief da unten? Mit den Händen auf dem Rücken machte Professor Gildemeister seinen Spaziergang.

Die Russen hatten uns mit dem Hinweis übergeben, dass noch ein paar TBC-Kranke dabei sind. Es waren fünf gefangene Ärzte dabei, die auch zehn Jahre hatten. Dann stellte sich heraus, dass mehr als die Hälfte der Gefangenen Tuberkulose hatte.

Was tun? Die Gesunden von den Tuberkulösen trennen, denn es besteht Ansteckungsgefahr. Und es musste ein Labor hergerichtet werden.“

Die Lage war katastrophal: Klaus war immer noch krank. Der Professor sprach den Kommandanten an.

„Der Gildemeister, der Bakteriologe, hat gesagt, dass auf Zelle so und so einer sitzt, den ich das zu machen gelehrt habe.

Der Kommandant hat gesagt:

– Bei mir gibt es kein Gewäsch, also kein Kuddelmuddel. Sie kriegen den nicht. Sie kriegen so viele Leute, wie Sie wollen.

– Ja, zum Putzen der Gläser und so weiter. Ich brauche jemanden, der die Diagnose stellen kann. Nach 14 Tagen oder drei Wochen hat er gewonnen und ich war im Lazarett im Labor.

Also Glück, Glück, Glück!

Kurz und knapp: Professor Gildemeister war wie ein zweiter Vater für mich. Er hat mir das Leben ermöglicht, darauf geachtet, dass ich nicht in die Schwerkrankenbaracke kam, und somit dafür gesorgt, dass man satt wurde.“

Eines Tages ließ sich Professor Gildemeister unvorsichtig in ein Streitgespräch mit dem Kommandanten hineinziehen:

„Was war schlimmer: das Nazi-KZ oder das, was er jetzt macht? Am nächsten Morgen war Gildemeister weg. Keine Ahnung, wo. Hinterher habe ich gehört, dass er nach Torgau gekommen ist. Torgau war eines der schlimmsten Lager, und ich hatte Angst, wieder auf die Zelle zu gehen.“

Aber die Tuberkulose breitete sich weiter aus. Ein Gefängnislabor war unabdingbar. Doch wer sollte es leiten? Die mitgefangenen ehemaligen Ärzte haben abgelehnt:

„- Klaus, das machst Du jetzt!

– Ich bin 20 Jahre alt, diese Verantwortung…

– Wir haben schon gar keine Ahnung mehr. Wenn wir das überhaupt mal hatten, dann im Studium. Wir waren fünf Jahr Soldat. Wir sitzen fünf Jahr schon in der Gefangenschaft. Du machst das!

Und dann habe ich als 20-jähriger für vier Jahre da das Labor noch geleitet. Alles war ja ganz, ganz großes Glück, dass ich das hatte.“

Mit 20 Jahren Chef des Labors: er trennte Ansteckende von Gesunden, diagnostizierte, schrieb Befunde, trat außerdem gelegentlich den fußgetriebenen Bohrer beim Zahnarzt. Und plötzlich gab es einen Brief von zu Hause. Man durfte auch selbst nach Hause schreiben. Klaus erfuhr, dass er in den Jahren einen Halbbruder bekommen hat, dass seine Schwester geheiratet hatte. Die Familie war nun erleichtert, dass Klaus nicht irgendwo in Sibirien gestorben ist. Und es kamen Pakete! Streng verboten waren aber die Medikamente und man durfte um Gottes Willen keine Südfrüchte ins Gefängnis senden, um eine mögliche Bestechung der Wachmeister zu verhindern.

„Wenn man darüber nachdenkt, war es das erste Mal nach vier Jahren, nicht? Wir waren zu Hause weg. Nach vier Jahren haben wir zum ersten Mal geschrieben, dass wir noch leben. Und da habe ich so geschrieben, wie es erwartet wurde.

– Mir geht es gut. Mir geht es wie Tante so und so. Tante so und so hatte Tuberkulose. Da hat mein Vater wirklich mal geschaltet. Er hat die ersten Antibiotika, die es überhaupt gab, gegen Tuberkulose ins nächste Paket gesteckt. Und das haben sie trotz des Verbots ausgeliefert. Das war in jedem Paket dabei, und als ich rauskam, war ich gesund.“

Im Jahr 1954 begann eine Welle von Entlassungen. Diese fanden immer abends und nachts statt, damit die anderen Gefangenen nichts mitbekamen. Alle gingen dann nach Hause in den Osten. Der Vater von Klaus war jedoch bei seiner alten Stelle bei der Bahn in Hamburg.

„Was ist denn, wenn ich jetzt sage: nach Hamburg?

– Glauben Sie, dass wir jemanden in den Westen entlassen?

Das war der schlimmste Offizier, den wir überhaupt hier hatten. Und der musste mir die letzte Nacht verderben!“

Er ließ Klaus spät abends allein in einem Saal zurück. Es vergingen endlose Stunden. Dann tauchte ein anderer Offizier auf:

„Das war ein Offizier, der sehr manierlich war.

– Morgen früh um sieben!

Und das war’s!

Danach wurden wir, die in den Westen entlassen worden waren, über Feldwege an die Grenze gefahren, damit niemand etwas sah.

Drüben wartete ein Bus auf uns. Früher hatte ein Bus vorne so einen Kübel mit Motor, aber jetzt stand plötzlich ein Wunder mit Glas da – wir haben geguckt! Da waren acht Jahre vergangen. Wir kamen in eine neue Welt.“

Das Grenzdurchgangslager Friedland war 1955 der Ort, an dem vor allem die letzten 10.000 Kriegsgefangenen, die aus der Sowjetunion in den Westen kamen, aufgenommen wurden.

„Wir waren ja keine Angehörigen aus dem Westen. Wir waren Fremde und bekamen dann auch gleich den Flüchtlingsausweis „C”. Das war hervorragend organisiert. Als wir ankamen, war der Kaffeetisch gedeckt und alles lag bereit. Das Telegrammformular habe ich heute noch. Ich habe nur zwei Wörter geschrieben: „Bin frei“.“

i Frau Ute Görge-Waterstraat, die Tochter des wissenschaftlichen Mitarbeiters des RKI W. Waterstraat, erfuhr aus den Briefen und Gesprächen mit ehemaligen Präsidenten des Robert-Koch-Instituts Prof. G. Henneberg Folgendes:

„Eugen Gildemeister fungierte als Mikrobiologie, insbesondere Virusforschung, Dr. med., Prof., Vizepräsident und geschäftsführender Direktor des Instituts Robert-Koch, Berlin-Dahlem, Unter den Eichen 93, bis 1945.

Professor Eugen Gildemeister soll am 8. Mai 1945 einer Diphtherie und Lungenentzündung erlegen sein.“ Die Angaben beziehen sich auf die Jubiläumsschrift „75 Jahre Robert-Koch-Institut“.

U. Görge-Waterstraat beschäftigt sich mit den möglichen Verwechslungen und kommt zu dem Schluss, dass es „einen Martin Gildemeister gab, der möglicherweise der Bruder von Eugen Gildemeister gewesen ist. Der am 21. Februar 1876 in Wangerin/Westpreußen geborene Wissenschaftler absolvierte sein Studium der Physiologie an der Universität Leipzig und erwarb dort auch den Doktorgrad. Darüber hinaus war er ordentlicher Professor und Direktor des Physiologischen Instituts der Universität Leipzig.

Am 1.8.45 übernahm Lenz die wissenschaftliche Leitung des RKI. Am 17.10.1945 verschwand Gildemeister, laut Vortrag Henneberg, ins Lager. Er erzählte, dass dieser einer Verwechslung zum Opfer gefallen war. Er war in einer Außenstelle des Instituts tätig, mit noch einigen anderen Herren. Die Russen hätten ihn mit einem SS- Arzt gleichen Namens verwechselt, der in Buchenwald Menschenversuche gemacht hatte. Der wurde im Ärzteprozess verurteilt und hingerichtet. Nun wurde es etwas verworren: „Man hatte unseren (RKI-)Gildemeister in Einzelhaft gelassen, ohne Papier und Schreibeerlaubnis. Darüber sei er zerbrochen. Er war so ein feiner Mensch. Später, nach der Freilassung, sei er dann sehr schnell gestorben“.